Universität Greifswald und Sprachkurs an der Universität Bergen in Norwegen. Das Foto zeigt einen LKW in der Stadt Bergen.

Sprachkurs in Norwegen mit Folgen

Im Sommer 1981 bot sich mir (Webseitenbetreiber) als Student der norwegischen Sprache an der Sektion Nordeuropawissenschaften (kurz: Sektion NEW) der Universität Greifswald die unfassbare Möglichkeit, an einem dreiwöchigen Sprachkurs an der Universität in Bergen in Westnorwegen (Sommerkurs for utenlandske norskstuderende) teilzunehmen. Neben Vorlesungen und Seminaren gab es auch genügend Zeit zur freien Verfügung, um Land und Leute kennenzulernen. So nutzte ich ein Wochenende, um in Oslo meinen Lehrer zu besuchen, der von 1980-1981 als Gastlektor an der Sektion Nordeuropawissenschaften Norwegisch unterrichtete – ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen sollte.

Mangelnde Ordnung und Sicherheit an der Sektion NEW

Nach meiner Rückkehr aus Norwegen setzte ich als Student im 5. Semester mein Sprachstudium planmäßig fort. Im Jahr 1982 war die Sektionsleitung der Meinung, dass Ordnung und Sicherheit aufgrund der angespannten internationalen Situation – gemeint war nicht zuletzt die polnische Solidarność-Bewegung – gestärkt werden müssten. Während einer hastig einberufenen Sektionsversammlung meldete sich ein Mitstudent, der ebenfalls am o.g. Sprachkurs teilnahm und von dem sich später herausstellte, dass er als inoffizieller Mitarbeiter (IM Marian) der Staatssicherheit auf mich angesetzt war, zu Wort und forderte mich auf, über meinen Besuch beim Gastlektor in Oslo zu berichten. Dieser Aufforderung kam ich nicht nach. Ein Gespräch mit dem Sektionsdirektor war die Folge.

Das Gespräch war kurz und unangenehm. In Übereinstimmung mit den Mitgliedern der Sektionsleitung charakterisierte der Direktor den norwegischen Gastlektor als „Klassenfeind“, mit dem ich mich unerlaubterweise eingelassen hätte. Es wurde sogar ein Zusammenhang hergestellt zwischen mir, dem Gastlektor aus Norwegen und einem Mitarbeiter der Sektion, der sich 1981 zu einem Forschungsaufenthalt in Norwegen aufhielt, jedoch nicht in die DDR zurückkehrte. (Der Link zum Artikel über den ehemaligen Mitarbeiter in der Zeitung Aftenposten vom 30.9.1995 erfolgt mit Genehmigung der Redaktion.)

Sektion Nordeuropawissenschaften der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Greifswald zu DDR-Zeiten

Greifswald zu DDR-Zeiten, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald: Studentenwohnheim Hans-Beimler-Str. 11 in Greifswald

Der "apolitische" Dolmetscher

Der Sektionsdirektor warf mir vor, ein „apolitischer“ Dolmetscher zu sein. Mir wurde absurderweise unterstellt, ich hätte mir mit Hilfe des Gastlektors bereits einen Job in Norwegen für die Zeit nach dem Studium gesucht. Schlussendlich wurde gegen mich ein Disziplinarverfahren eröffnet. Ich wurde aufgefordert, eine umfangreiche schriftliche Stellungnahme anzufertigen. Außerdem riet er mir, mich exmatrikulieren zu lassen.
In der Stellungnahme sollte ich alle Gesprächsthemen aufzählen, die in der Konversation mit dem Gastlektor in Greifswald wie in Oslo eine Rolle spielten. Ebenfalls sollte ich eine Mitstudentin einschätzen, mit der ich mehrmals zusammen gesehen worden war und mit ich mehrfach den norwegischen Gastlektor in seiner Greifswalder Unterkunft besucht hatte.

Der Direktor der Sektion Nordeuropawissenschaften befand, dass die Stellungnahme nur wenige Zeichen der Reue enthielt und keinen persönlichen Beitrag, die „Tat“ wiedergutzumachen. Nur wenige Tage später wurde mir ein strenger Verweis mit Androhung der Exmatrikulation ausgesprochen. Trotz guter Studienleistungen erhielt ich fortan kein Leistungsstipendium mehr.

Fazit: Sich als DDR-Bürger mit den falschen Leuten am falschen Ort zu unterhalten, war sehr unvorteilhaft für den beruflichen Werdegang. Was dabei "falsch" war, legten die Funktionäre fest.

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Nachspiel mit der Staatsicherheit

Den Höhepunkt meiner Greifswalder Erlebnisse bildete ein Zusammentreffen mit einem Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit im November 1982. Vorab erhielt ich von meiner damaligen Professorin für Staat und Recht und stellvertretenden Sektionsdirektorin für Erziehung und Ausbildung die Mitteilung, dass mich ein Mitarbeiter der Universität im Direktorat für Studienangelegenheiten im Universitätshauptgebäude in der Domstraße sprechen wolle. Mir war in diesem Augenblick sofort klar, dass es sich bei diesem Mitarbeiter nur um einen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit handeln konnte. Entweder wusste meine Professorin es nicht besser oder sie sagte die Unwahrheit.

Selbstverständlich reiste der Herr Oberleutnant von der Bezirksverwaltung Neubrandenburg des Ministeriums für Staatssicherheit nicht ohne eine detaillierte Konzeption für eine Aussprache mit dem Studenten in die Stadt am Bodden, der nach seiner Rückkehr aus Norwegen „ideologisch abgeglitten“ war und nun „vermutlich dem Einfluß von religiös gebundenen Studentenkreisen unterliegt“. Geplante Maßnahmen des Stasi-Oberleutnants

Thema des Gesprächs war erneut mein „apolitisches“ Verhalten und meine Sympathie für “Klassenfeinde“. Auch fielen in diesem Gespräch die Namen des norwegischen Gastlektors, einer Mitstudentin aus Dresden sowie weitere Namen von bundesdeutschen Teilnehmern des Sprachkurses in Bergen in Norwegen, zu denen ich Kontakt hatte. Der Stasi-Mitarbeiter war durch die Berichte des IM-Marian, den o.g. Studenten, der ebenfalls am Sprachkurs teilgenommen hatte, bestens informiert und versuchte mir klarzumachen, wie wichtig der Kampf gegen "innere und äußere Feinde der DDR" sei und dass dazu die tatkräftige Unterstützung vieler Helfer nötig wäre. Der Herr Oberleutnant versprach mir, sich für die Aussetzung des strengen Verweises einzusetzen. Die Zusammenarbeit sollte sich zunächst auf regelmäßige Treffen beschränken. Um das Gespräch zum Ende zu bringen, stimmte ich dem nächsten Treffen, das im Monat Dezember im Neustrelitzer Café am Markt stattfinden sollte, zunächst zu. Ich weigerte mich allerdings, ein Protokoll zu unterschreiben, in dem ich mich verpflichten sollte, über dieses erste – und letzte – Gespräch absolutes Stillschweigen zu bewahren.

Das geplante Folgetreffen in Neustrelitz sagte ich einige Tage nach dem Gespräch in Greifswald telefonisch ab. In dem Telefonat machte ich auch unmissverständlich deutlich, dass ich nicht bereit sei, weitere Gespräche mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu führen. Den Oberleutnant aus Neubrandenburg sah ich nie wieder. Ich war mir fortan allerdings mehr denn je bewusst, dass man in der DDR immer in der latenten Gefahr lebte, in die Mühlen der Staatssicherheit zu geraten, und dies insbesondere dann, wenn man zwei – wie es damals hieß – NSW-Sprachen studierte und natürlich auch auf Menschen der entsprechenden Länder traf.

Kontaktabsage und Archivierung des operativen Handmaterials

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Greifswald zu DDR-Zeiten, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald: Direktorat für Studienangelegenheiten im Hauptgebäude der Universität Greifswald in der Domstraße

Universität Greifswald, Greifswald zu DDR-Zeiten: Auf dem Foto sehen Sie die marode Kammerlichtspiele in Greifswald.

Berufslenkungsgespräch ohne Ergebnis

In die Zeit des 8. Semesters fielen auch die sogenannten Berufslenkungsgespräche. Folgerichtig war ich der einzige Student, der diese Gespräche, die unter Leitung der stellvertretenden Sektionsdirektorin für Erziehung und Ausbildung durchgeführt wurden, ohne eine Zusage für eine spätere Arbeitsstelle verließ. Schließlich könne man einen Absolventen mit einem Verweis in der Akte nicht der Praxis zumuten. Eine Aussetzung dieser Strafe kam für sie nicht in Frage. Für mich nicht verwunderlich, war die Sektionsdirektorin vor ihrer Greifswalder Zeit doch als Staatsanwältin tätig. 1992 erhielt sie die Kündigung. Die Hürde der doppelten Überprüfung nach dem Hochschulerneuerungsgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern vermochte sie nicht zu nehmen.
Auch erhielt ich nach meinem „Vergehen“ keine für einen Sprachstudenten so wichtige Dolmetscheinsätze, um das Gelernte in der Praxis anwenden zu können.

Nach einigen Monaten wurde mir dann plötzlich doch eine Arbeitsstelle vermittelt. Man wollte – oder musste – mich wohl endlich loswerden.

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Volkskammerausschuss zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption

Im Januar 1990 wandte ich mich an den Ausschuss zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption der Volkskammer der DDR mit der Bitte, die o.g. Vorgänge an der Sektion Nordeuropawissenschaften zu prüfen. Die Bearbeitung der Eingabe glich einer Odyssee. Alle amtlichen Stellen leiteten den Vorgang „ordnungsgemäß“ weiter. Im Juli 1990 übermittelte mir das Ministerium für Bildung und Wissenschaft endlich die Stellungnahme der Sektionsleitung vom 10. Mai 1990. Da die Leitung und fast alle Hochschullehrer der Sektion NEW, die inzwischen Nordeuropa-Institut hieß, Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) waren, die dem DDR-System mehr als rückhaltlos gedient hatten, war klar, wie eine solche „Stellungnahme“ aussah. Dieser Personenkreis kannte keine Reue, von Gewissen ganz zu schweigen. Nicht einmal ein Wort des Bedauerns befand sich in der Stellungnahme, dafür jedoch die abschließende Bemerkung, „dass die in der Eingabe zur Sprache gebrachten Verhaltensweisen von Kollegen und Studenten der Sektion Nordeuropawissenschaften dem damaligen offiziellen Sicherheitsverständnis unseres Staates sowie damals geltenden staatlichen Normen und Auflagen übergeordneter Organe entsprachen.“

Diese traurige Feststellung traf ein Institutsdirektor „unseres Staates“ am 10. Mai 1990 (!), traurig, weil es sich immerhin um die Feststellung des ersten demokratisch gewählten Direktors des Nordeuropa-Instituts Greifswald handelte. Sechs Monate nach der politische Wende und nach allem, was bis dahin ans Tageslicht befördert worden war und sich im Prozess der Aufarbeitung befand, hätte er anders argumentieren können bzw. dürfen. Anscheinend war diese Zeitspanne nicht ausreichend genug, um zu erkennen, was an der Sektion Nordeuropawissenschaften der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald alles schiefgelaufen war. Hinzu kam, dass er als neuer Institutsdirektor kein Vertreter der neuen Zeit war. An der Sektion Nordeuropawissenschaften arbeitete er seit 1968, und auch er blieb bis zum Ende der DDR treues SED-Mitglied und strapazierte in Vorlesungen immer wieder seinen persönlichen Leitspruch „Der Sozialismus muss Spaß machen“. Das sollte wohl lustig sein, war es aber nicht. Der Sozialismus hat nicht Spaß gemacht – nirgendwo und an der Sektion Nordeuropawissenschaften schon gar nicht.

Universität Greifswald, Greifswald zu DDR-Zeiten: Das Foto zeigt ein Wahlplakat in Greifswald 1990 mit der Aussage: Nie wieder Sozialismus!

Kommentar aus Oslo

Meine Greifswalder Mitstudentin, die 1984 aus der DDR ausreiste, sah sich veranlasst, einige Falschaussagen über ihre Person in der Stellungnahme des Institutsdirektors richtigzustellen bzw. zu kommentieren. Kommentar

Universität Greifswald. Das Foto zeigt die ehemalige Dienststelle der Kreisdirektion Greifswald der Staatsicherheit.

Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatsicherheit an der Universität Greifswald und der Sektion NEW

Am 05.12.1989, knapp einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer, fand im Greifswalder Rathaus die konstituierende Sitzung des Untersuchungsausschusses der Stadt statt. Die Arbeitsgruppe Staatsicherheit des Untersuchungsausschusses stellte später in ihrem Bericht fest, dass sich die Kreisdienststelle Greifswald im Sommer 1989 auf ein Netzwerk von ca. 500 Informanten stützen konnte, wovon im Bereich der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald 114 Personen als Zuträger von Informationen arbeiteten.
Von diesen 114 Informanten wiederum waren 43 an den Sektionen und Instituten der Universität beschäftigt. An der Sektion Nordeuropawissenschaften gab es 4 inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit. Diese Zahl mag sehr niedrig erscheinen. Betrachtet man sie jedoch im Zusammenhang mit der Gesamtzahl der Mitarbeiter, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Bei nur 35 Mitarbeitern betrug der Anteil der IM damit über 10% und stellte den universitätsweit höchsten Wert dar. Darüber hinaus gab es an der Sektion NEW zum Zeitpunkt der Statistik 1 IM unten den Studenten.

Der Bericht der Arbeitsgruppe Staatsicherheit nennt auch ein Beispiel für eine operative Maßnahme der Staatsicherheit gegen einen Studenten der Sektion Nordeuropawissenschaften. Diese operative Maßnahme führte letztendlich zu einer Disziplinierung, die einem Berufsverbot gleichkam.

(Der Link zum o.g. Bericht der Arbeitsgruppe Staatsicherheit, nachzulesen im Abschlussbericht der Arbeitsgruppe STAatSIcherheit des Untersuchungsausschusses der Stadt Greifswald vom 28.02.1990, erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung von Herrn Hinrich Kuessner, dem damaligen Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses.)

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