Kaputte Greifswalder Altstadt in den 1980er-Jahren

Greifswald, Nordeuropa und der internationale Klassenkampf

In den 1980er-Jahren absolvierte der Webseitenbetreiber an der damaligen Sektion Nordeuropawissenschaften der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald eine Ausbildung als Sprachmittler für Norwegisch und Englisch. Die Hochschullehrer dieser stark regionalwissenschaftlich geprägten Einrichtung ließen nicht nach in ihren Bemühungen, ein kleines Stückchen dieser Welt ausschließlich mit Marx, Engels und Lenin zu erklären.

Was machte die Einseitigkeit ihrer Betrachtungsweise aus?

Insbesondere sei die Vorlesungsreihe „Grundprobleme des antiimperialistischen Kampfes der Völker Nordeuropas“ erwähnt. Während der Lehrveranstaltungen wurde den Studenten der Eindruck vermittelt, als befänden sich die skandinavischen Länder in einem permanenten politischen, ökonomischen und ideologischen Krisenzustand und als vertieften sich die sozialen Widersprüche in diesen Ländern ständig. Wahrscheinlich musste das damals so sein, handelte es sich doch bei diesen Staaten um „Kettenglieder im System des Imperialismus“ bzw. „Länder des staatsmonopolistischen Kapitalismus“. Das wiederum bedeutete nach Lenin, dass es sich um Länder des „sterbenden“ und „faulenden“ und „parasitären“ Kapitalismus drehte, die sich am „Vorabend der proletarischen Revolution“ befanden. Ein schöner Tod wie wir heute wissen.

Kommunistische Parteien - revolutionäre Kampfparteien der Arbeiterklasse

Bei genauer Betrachtung des damaliger politischen, wirtschaftlichen und moralischen Istzustandes der Staaten in Osteuropa konnte man allerdings nur froh sein, dass die Völker in Nordeuropa in ihrem antiimperialistischen Kampf nicht so weit gekommen waren, wie man sich das an der Greifswalder Sektion damals wünschte. Führend in diesem Kampf sollten die kommunistischen Parteien gewesen sein, von denen oft mit historischem Optimismus, der eher einer unverbesserlichen Arroganz glich, verkündet wurde, dass sie zwar noch klein wären, aber…
Am putzigsten fiel dabei die Einschätzung der Kommunistischen Partei der Färöer aus, die nach Ansicht des Lehrpersonals eine der „jüngsten Abteilungen der kommunistischen Weltbewegung“ darstellte, „die ausgehend vom Marxismus/ Leninismus und dem proletarischen Internationalismus die Kampfkraft der kommunistischen Weltbewegung und der um sie gescharten Kräfte des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus festigen und stärken hilft“. Welch nichtssagende Charakteristik, die für jede andere KP ebenfalls hätte benutzt werden können.

Die Kommunistischen Parteien wurden dargestellt als „revolutionäre Kampfparteien der Arbeiterklasse“ und als die „konsequentesten politischen Interessenvertreter aller demokratischen und friedliebenden Kräfte dieser Region“. Davon schienen die Menschen in Nordeuropa selbst aber nichts gewusst zu haben, sonst wären diese Parteien bei Parlamentswahlen hin und wieder etwas erfolgreicher gewesen.

Die Wähler konnten sich an den Wahlurnen gar nicht anders entscheiden, da sich die politische Funktion des Staates in den nordeuropäischen Ländern als „Unterdrückungsfunktion“ darstellte, und diese „Unterdrückungsfunktion“ mit Hilfe der bürgerlichen Presse als „Instrument der ideologischen Manipulierung“ der nordeuropäischen Völker realisiert wurde. Dadurch fiel es den Arbeitern und Angestellten in Nordeuropa eben sehr schwer, „zur Erkenntnis ihrer historischen Aufgabe zu gelangen“, d.h. „die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft der Ausbeutung und Unterdrückung“.

Dass für schlechte Wahlergebnisse der KPs in Nordeuropa vielleicht das Scheitern des real existierenden Sozialismus in ganz Osteuropa, welcher nicht erst im Wendeherbst 1989 einsetzte, ausschlaggebend gewesen sein könnte, davon kein Wort in Greifswald.

Größtenteils vernichtend fiel auch die Einschätzung der nordeuropäischen Volkswirtschaften aus. Trotz einer offensichtlich maroden Planwirtschaft in der DDR und den osteuropäischen Ländern wurde in Vorlesungen nur von Krisenprozessen gesprochen. Als unverzichtbarer Teil dieses den Studenten ständig präsentierten Untergangsszenariums musste immer die Arbeitslosenrate herhalten, die allerdings im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern eine geringere Rolle spielte.

Haben die Hochschullehrer der Greifswalder Sektion den hohen Lebensstandard in Nordeuropa nicht sehen wollen oder durften sie ihn nicht sehen? Haben sie nicht gemerkt, dass in den 1980er-Jahren in Osteuropa ein Wirtschafts-, ja ein gesamtes Gesellschaftssystem im Scheitern begriffen war, dessen Grundlagen im Marxismus zu finden waren? Haben sie nicht damals schon gesehen, dass die Perspektiven des modernen Kapitalismus völlig andere waren als die zu Marx’, Engels’ und Lenins Zeiten? Was haben sie überhaupt auf ihren Dienstreisen nach Nordeuropa gesehen, gedacht und gefühlt?

Die Greifswalder Hochschullehrer spürten demgegenüber in den nordeuropäischen Ländern fortwährend „antidemokratische Tendenzen“ auf, die angeblich die Feststellung im Programm der damaligen SED bestätigten, „dass die wachsende politische Instabilität der Monopolherrschaft mit dem zunehmenden Niedergang der bürgerlichen Demokratie einhergeht“. Aber gerade diese Demokratie trug nach der politischen Wende zur Gesundung der zerrütteten Länder Osteuropas bei.

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Marode Greifswalder Altstadt in den 1980er-Jahren.

Kaputte Greifswalder Altstadt in den 1980er-Jahren.

Greifswald, Nordeuropa und die Demokratie

Bei der Frage der Demokratie wurde eine leichte Relativierung allerdings zugelassen, denn die Hochschullehrer erkannten in ihren wissenschaftlichen Abhandlungen schließlich schon damals, dass die nordeuropäischen Länder auf dem Gebiet der Demokratie „nicht zu den rückständigsten in der kapitalistischen Welt gehören“, jedoch „werden solche fundamentalen sozialen und politischen Rechte wie das Recht auf Arbeit, das Recht auf gleiche Bildung, auf Berufsausbildung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie das Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung, die in der Sowjetunion, der DDR und anderen sozialistischen Ländern unmittelbar geltendes Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit sind, juristisch nur unverbindlich deklariert oder überhaupt nicht formuliert und in der Praxis nicht verwirklicht“.
An der Greifswalder Sektion allerdings ging praktizierte sozialistische Demokratie damals einher mit Bespitzelung, Einschränkung der individuellen Freiheit sowie ideologischer und wissenschaftlicher Bevormundung etc. Erwähnt seien hier geöffnete, an Studenten gerichtete Briefe aus dem Ausland, erzwungene Bereitschaftserklärungen männlicher Studenten zur Ausbildung als Reserveoffiziere der NVA sowie die Forderung nach übermäßiger Betätigung im marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium, in der FDJ und der Gesellschaft für Sport und Technik.

Was wissenschaftliche Bevormundung anbelangt, sei ein Beispiel hier genannt. Angeregt durch den Dozenten für USA-Landeskunde hatte der Webseitenbetreiber die Absicht, sich in seiner Diplomarbeit mit der Frage der norwegischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten zu beschäftigen. Als er dieses Thema dem damaligen Sektionsdirektor vorstellte, antwortete dieser nur: „Für uns von Interesse ist ausschließlich die Frage, ob diese Leute heute die Kräfte des Friedens oder der Reaktion unterstützen“. Nach dieser „Konversation“ mit dem obersten Dogmatiker an der Sektion zog er es vor, ein Thema aus dem Bereich der Lexikologie zu wählen. Zwischen sozialistischen und kapitalistischen Verben und Substantiven vermochte man sogar in Greifswald nicht zu unterscheiden.

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Geheimnisschutz und Schutzrechtspolitik

Ein weiterer Höhepunkt der Schwarz-Weiß-Malerei an der Sektion Nordeuropawissenschaften war die Vorlesung „Geheimnisschutz und Schutzrechtspolitik“, die ausschließlich den Studenten unter diesem Titel bekannt war. Die internationalen Gastlektoren durften unter keinen Umständen etwas von dieser Art „Wissensvermittlung“ mitbekommen.
Im Rahmen dieser Vorlesung wurden Aktivitäten von „Klassenfeinden“ in der DDR erläutert, es wurden „Begründungen“ dafür gegeben, warum das Knüpfen von persönlichen Kontakten zu Ausländern oder das Lesen von Zeitungen der bürgerlichen Presse Skandinaviens im Studentenwohnheim nicht dem Berufsbild eines Sprachmittlers entspricht. Auch wurden die Studenten darüber belehrt, dass Gastgeschenke nach einem Dolmetscheinsatz abzuliefern seien. Diese könnten schließlich Wanzen westlicher Geheimdienste enthalten. Der Professor, der uns dieses „Wissen“ vermittelte, stieg kurze Zeit später sogar zum Rektor der Universität auf. Auch der nächste Karrieresprung ließ nicht lange auf sich warten: stellvertretender Minister für Hoch- und Fachschulwesen.

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Marode Greifswalder Altstadt in den 1980er-Jahren.

Angst vor dem Abriss. Marode Greifswalder Altstadt in den 1980er-Jahren.

Das Kommunistische Manifest im Kopf haben

Nun mag man sich fragen, warum sich Sprachstudenten mit derart unnützen und unwissenschaftlichen Vorlesungen fernab von jeglicher Realität herumschlagen mussten. Tatsächlich brach immer wieder ein heftiger Streit aus um die Frage, ob die politische oder die fachliche, d.h. sprachliche Ausbildung Priorität haben sollte. Ein Professor des Instituts entschied diese Frage mit der Aussage: „Wenn Sie mit Gästen aus Nordeuropa als Dolmetscher im Kernkraftwerk Greifswald stehen, müssen Sie das Kommunistische Manifest im Kopf haben.“.
An der Sektion Nordeuropawissenschaften waren mehrere internationale Gastlektoren als Sprachlehrer beschäftigt. War zu Ihnen kein Kontakt über den regulären Unterricht hinaus möglich, um außerhalb der o.g. tendenziösen Vorlesungen weitere Informationsquellen zu erschließen? Natürlich war das möglich, aber es war eine gewagte Sache, wurden die Studenten doch seitens der Sektionsleitung zur Zurückhaltung aufgefordert. Privatadressen durften unter Androhung von Strafe ohnehin nicht weggeben werden, wofür ebenfalls eine Unterschrift geleistet werden musste. Außerdem hat es in den Seminargruppen Studenten gegeben, die als Delegierte des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit auch in Greifswald neben ihrer Studientätigkeit auch noch Horch- und Guckaktivitäten entfalteten.

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Abgewickelt

Die Hochschullehrer der Sektion Nordeuropawissenschaften haben nach der politischen Wende weiterhin das Profil des neu entstandenen Nordeuropa-Instituts bestimmt – allerdings nur vorerst. Natürlich muss man sich fragen, mit welchem Anspruch an Moral und politischer Seriosität sie die neue Wissenschaftspolitik eigentlich mittragen wollten. Haben sie tatsächlich selbst daran geglaubt, in der Lage zu sein, die Forderung nach parteipolitisch unabhängiger und weltanschaulich pluralistischer wissenschaftlicher Arbeit zu erfüllen? Es war doch klar, dass der Großteil der Greifswalder Nordeuropa-Experten weder die fachlichen noch die menschlichen Voraussetzungen besaßen, eine neue Studentengeneration vor dem Hintergrund ihrer Vor-Wende-Forschung auszubilden.

Ende 1992 waren die Professoren der Sektion Nordeuropawissenschaften abgewickelt. Keiner von ihnen vermochte die Hürde der doppelten Überprüfung nach dem Hochschulerneuerungsgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern zu nehmen.

(Quellen: Aufzeichnungen/Erinnerungen des Webseitenbetreibers, Lehrbuch Grundprobleme des antiimperialistischen Kampfes der Völker Nordeuropas, Programm der SED, Skandinavistik – Zeitschrift für Sprache, Literatur und Kultur der nordischen Länder)

Wahlplakat in Greifswald 1990.

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