Mein erster Ausflug hinter die Kulissen des Friedrich-Wolf-Theaters in Neustrelitz fand in der Spielzeit 1977/78 statt. Zusammen mit einigen Mitschülern meiner Schule wirkte ich als Statist in der Aufführung „Die Verschworenen“ von Helmut Sakowski mit, der mir dafür sogar schriftlich seinen Dank aussprach. Die Uraufführung fand am 13. November 1977 statt, inszeniert von Erhard Kunkel zu Ehren des 60. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Klingt nach schwerem Stoff, war es auch. Die Handlung spielte im Zuchthaus Brandenburg-Görden im Frühjahr 1945 und drehte sich um die Formierung des Widerstands und die Selbstbefreiung der Häftlinge, die trotz ihrer gegensätzlichen politischen Ansichten zu einer „verschworenen Gemeinschaft“ zusammenwuchsen.
Die Ernsthaftigkeit der Thematik tat dem Herumalbern hinter und auch auf der Bühne jedoch keinen Abbruch. Was haben wir Statisten Tränen gelacht über die unerschöpflichen Einfälle des Schauspielers Klaus Kriese. Ausgerechnet in den ernstesten Momenten, in denen selbst ein Zucken im Mundwinkel verdächtig gewesen wäre, setzte er alles daran, uns aus dem Konzept zu bringen. Unser einziges Gegenmittel: beherztes Beißen auf Zunge oder Lippe, schmerzhaft, aber bühnentauglich.
Unvergessen ist mir eine Szene, in der wir, oben auf einer der Treppe stehend, das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ singen sollten. Der Zuchthauspfarrer dirigierte und war mit unserer eher freien Auslegung der Tonarten sichtlich überfordert. Also unterbrach er, flüsterte dem Gefangenen Lysskow, gespielt von Klaus Kriese, eine Korrektur ins Ohr und schickte ihn als musikalischen Boten zu uns.
Das war natürlich die Einladung für Klaus. Er drehte sich zu uns um und grinste uns mit einer beeindruckenden Zahnlücke an. Einen Schneidezahn hatte er für diesen kurzen Auftritt kunstvoll geschwärzt. Wir standen stramm wie die Zinnsoldaten und kämpften ums Überleben… Ein anderes Mal erschien er mit stattlichem Oberlippenbart. Später erfuhren wir, dass das gute Stück ein frisch organisierter Holzdrehspan aus der Theaterwerkstatt war, kunstvoll zwischen Nase und Oberlippe eingeklemmt.
Vor jeder Vorstellung warteten wir gespannt, welche Überraschung Klaus diesmal aus dem Hut zaubern würde. Doch trotz aller Albernheiten in jeder Vorstellung hielten wir tapfer durch mit verkrampften Gesichtsmuskeln und eiserner Selbstbeherrschung.
Erinnern kann ich mich auch an zwei Nacktszenen während der Aufführung. Bei „Einlieferung“ ins Zuchthaus mussten wir uns vollständig entkleiden - mit dem Rücken zum Publikum, aber trotzdem mit sehr viel Frischluftgefühl - und dann mit unserer Häftlingskleidung im Arm von der Bühne rennen.
Eine zweite Nacktszene spielte sich in der Dusche ab. Ein Bühnenelement sorgte jedoch dafür, dass unsere Blöße für das Publikum nicht sichtbar war. Theoretisch. Praktisch gab es einen Ausrutscher-Abend ausgerechnet an dem Abend, als die Schüler der Erweiterten Oberschule, unserer eigenen Schule, im Publikum saßen.
In der Duschszene wurde ein Stück Seife mit den Füßen über den Boden hin und her geschoben. Eigentlich sollte sie dabei im geschützten Bereich bleiben. Klaus jedoch, wissend, wer im Saal saß, bugsierte sie mit voller Absicht ins freie Sichtfeld. Für den Fortgang der Szene war das Stück Seife allerdings unabdingbar. Jemand musste sie zurückholen. Ich war erleichtert, dass es mich nicht traf, sondern meinen Kumpel. Das Gefeixe aus den Schülerreihen war deutlich wahrnehmbar.
So ganz fair war das von unserem Schauspielerkollegen nicht. Aber Hand aufs Herz, wir mussten Tränen lachen. Wir empfanden es immer sehr erfrischend, wie Klaus es verstand, eine heitere Atmosphäre zu vermitteln.
Kurioses am Rande: Für eine Vorstellung erhielten wir damals 10 Mark, für die beiden Nacktszene gab es einen Aufschlag von 15 Mark - als Mutprämie sozusagen. Das war für uns Schüler ein kleines Vermögen. Kunst hatte plötzlich auch finanziell überzeugende Argumente.
Ich kann mich erinnern, dass ich mich für „Die Verschworenen“ von meinem längeren Haar trennte. Wir spielten ja Zuchthäusler. Jeder, der das Haar unpassend etwas länger trug, musste vor der Vorstellung in die Maske und bekam eine Perücke verpasst. Ich sah damit allerdings etwas merkwürdig aus. Außerdem ziepte die künstliche Haarpracht bei jeder Kopfbewegung. Also entschied ich mich heldenhaft: Haare ab. Theater konnte so radikal sein…
Neben den Darstellern des Schauspielensembles wirkten an der Aufführung auch mehrere Gäste vom Ensemble des Fernsehens der DDR mit, darunter Wilfried Pucher (links auf dem Titelfoto), Fred Ludwig (rechts auf dem Titelfoto), Karl Sturm, O. E. Edenharter und Ezard Haußmann. Das hatte schon etwas von großer weiter Welt für uns.
Obwohl wir „nur“ Statisten waren, waren wir doch vollwertige Mitglieder der großen Theaterfamilie. Wir fühlten uns wie die Hauptpersonen in einem großen Stück, wenn wir vom Künstlerischen Betriebsbüro des Theaters einen Brief erhielten mit den nächsten Vorstellungsterminen oder ein Telegramm mit der Mitteilung, wann uns der Bus zum Haus der Kultur und Bildung nach Neubrandenburg fahren würde, wo wir auch auftraten.
Und der gemütliche Theaterkeller wurde zu unserem zweiten Jugendzimmer. Oft kehrten wir dort ein, auch unabhängig von unseren Probenterminen oder Vorstellungen und zusammen mit unseren Freundinnen und Kumpels. Der Wirt war sehr nett (und geschäftstüchtig) und ließ uns feiern. Gastronomisch war Neustrelitz damals nicht die große weite Welt. Schön, dass es das Theater für uns war.
Sie haben eine Frage?
Copyright © 2026 - norsktysk.de | All Rights Reserved